„Fridays gegen Altersarmut“: So war die erste Mahnwache in Herford

Über 40 Interessierte kamen Freitagnachmittag auf dem Alten Markt zur Mahnwache für die Aktion „Fridays gegen Altersarmut“ zusammen. | © Peter Steinert

Über 40 Teilnehmer treten drei Stunden auf dem Alten Markt an. Zur Begrüßung macht die Initiatorin deutlich, dass sich die Gruppe nicht politisch instrumentalisieren lässt.

Herford. Viele der ganz reichen Menschen haben mit den meisten der ganz armen Menschen etwas gemein: Sie lassen sich sehr selten in der Öffentlichkeit blicken. Für einige der weniger Begüterten ist das am Freitagnachmittag auf dem Alten Markt anders. Bei Minusgraden nehmen sie von 16 bis 19 Uhr an der Mahnwache „Fridays gegen Altersarmut“ teil.

Über Facebook war diese Aktion von Marita Weber organisiert worden. Unterstützung findet sie durch den Gehörlosenverein Herford. „Taube Menschen rutschen auch in die Armut, weil sie sich nicht ausreichend verständlich machen können“, verdeutlicht Stefanie Schmidt, die als Dolmetscherin fungiert.

Den Cent zweimal umdrehen, ehe er einmal ausgegeben wird

Die Paderbornerin ist selbst betroffen. Der zweifachen Mutter stehen monatlich 1.400 Euro zur Verfügung, inklusive Wohn- und Kindergeld. Mittels Zeichensprache übersetzt Stefanie Schmidt die Begrüßungsrede der Initiatorin, die ebenfalls den Cent zweimal umdreht, ehe sie ihn einmal ausgibt. Die fünffache Mutter erwartet später eine Rente von 500 Euro. „Pure Existenzangst hat mich zu meinem Engagement gebracht“, sagt Marita Weber, die schnell merkte, dass rechte Gruppierungen auf diesen Zug aufsprangen.

Dem beugt Marita Weber auf dem Alten Markt deutlich vor: „Es werden keine politischen Gespräche geführt, das erfüllt nicht den Zweck. Wir lassen uns nicht instrumentalisieren. Die Parteien sind uns egal. Wenn uns jemand anfeindet, dann wird der ignoriert.“ Stefanie Schmidt ergänzt: „Das Schweigen muss gebrochen werden, weil viel zu viele Menschen schweigen.“

Einer der Zuhörenden ist zum Gespräch mit der Presse bereit. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Der Bünder ist jedoch vorbereitet und zieht zum Beweis seiner Ausführungen dann und wann Unterlagen aus seinen Taschen. Weil es wahr ist, dass der 75-Jährige jeden Monat 399,09 Euro Rente erhält. „Meine Miete beträgt 450 Euro“, fügt der Rentner tonlos an und zeigt den nächsten Beleg.

Damit er nicht gleich zum Monatsbeginn mit beiden Beinen massiv im Minus steht, geht er zwei Nebenjobs nach. Die sichern ihm die Existenz. Dass er sich nicht längst bequem zur Ruhe setzen kann, habe unterschiedliche Gründe, sagt der Mann aus dem Kreis Herford.

Früher habe er in einem Heim gelebt, dem Martinistift in der Nähe von Münster. Das hätte an Sozialzahlungen für den Staat gespart und somit Millionen-Summen einbehalten. „Allein das hat mich zehn Jahre gekostet“, sagt der gelernte Koch und Konditor. Auf diverse andere Jobs folgte eine Anstellung auf einer Bohrinsel. Was der Bünder damals nicht bemerkte: „Der amerikanische Arbeitgeber hatte keine Rentenbeträge gezahlt.“

Die Altersarmut droht

Deswegen trägt er heutzutage Zeitungen aus. Wie die neben ihm stehende Frau aus Hiddenhausen. Die ist 50 Jahre und ahnt schon jetzt, dass ihr die Altersarmut droht. Kinder können ein Grund sein, warum kein Lohn fließt, keine Sozialabgaben geleistet werden, die Rente mickrig ausfällt. Die Zeitungsausträgerin hat sechs Kinder.

Und ein gesundheitliches Handicap in Form eines gekrümmten Rückrads. Was dazu führt, dass der fünfte Lendenwirbel jederzeit heraus springen könnte. „Wenn sich die Lendenwirbel vier und sechs treffen, dann war’s das mit Laufen“, sagt die Hiddenhauserin im gleichen desillusionierten Tonfall, wie der 75-jährige seine Rechnung über 399,09 Euro Rente und 450 Euro Miete aufgemacht hat.

Am 15. Februar ist die nächste Mahnwache von „Fridays gegen Altersarmut“ auf dem Alten Markt geplant. Marita Weber ist über Facebook und per E-Mail erreichbar: webermarita10@gmail.de

Peter Steinert
25.01.2020 | Stand 25.01.2020, 16:06 Uhr
Quelle: https://www.nw.de/lokal/kreis_herford/herford/22676337_Fridays-gegen-Altersarmut-So-war-die-erste-Mahnwache-in-Herford.html

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